PISA und andere Epidemien - Kommentar zu Maßnahmen der Gesundheitsförderung für Kinder und Jugendliche in Berlin
Zahlen, Daten, Fakten Sprach man vor 10 Jahren Lehrer auf den Gesundheitszustand, die körperliche und geistige Leistungsfähigkeit ihrer Schüler an, so kam vor allem in Großstädten die Antwort: „es steht nicht zum Besten“. Von Sportlehrern wurde dieser Eindruck vor allem bei jüngeren Schülern festgemacht an dem von ihnen beobachteten motorischen Leistungsmängeln und fehlender körperlicher Grundvoraussetzungen für den Sportunterricht, wie: Körperspannung, Kraft in Armen und Beinen, Ausbildung der Reflexe zum Fangen, Koordinationsfähigkeiten beim Rückwärtslaufen. Später wird bei den Jugendlichen – vor allem bei Mädchen - der Mangel an Motivation, am Sportunterricht teilzunehmen, beklagt. Auch die Folgen wurden drastisch beschrieben, z.B. die Häufung der Verletzungen schon beim einfachen Hinfallen im Sportunterricht oder in der Hofpause.
Befragte Ärzte konstatierten die Zunahme von sog. Erwachsenenkrankheiten, die aus Bewegungsmangel entstehen - nun auch schon bei Kindern im Einschulungsalter: Übergewicht, motorische Unruhe, Konzentrationsmangel, Schwächen bei Herz, Kreislauf und Körperhaltung.
Nach Aussagen des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte weisen ca. 70.000 Kinder im Alter bis zu 6 Jahren bereits Entwicklungsstörungen auf. Die neuesten Zahlen der Zustandsberichte aus Berlin bestätigen, dass diese Negativentwicklung nunmehr einen Höhepunkt erreicht hat. Seit 1991 registriert die Berichte der Senatverwaltung für Gesundheit und Soziales in ihren Berichten zur gesundheitlichen Lage von Kindern einen stetigen Anstieg der Übergewichtigkeit bei den Einschulungsuntersuchungen - von 10% bei Kindern deutscher Herkunft bis zu 18% bei türkischen Kindern. Im Spezialbericht 2003 werden zudem enorme Sprachentwicklungsdefizite festgestellt. Es ist zu erwarten, dass diese Kinder enorme Schwierigkeiten in der Schule bekommen werden.
Im Internet wird seit Herbst 2002 die Situation als „Übergewichtsepidemie“ betitelt. Bezug genommen wird dabei auf die Jahrestagung der Deutschen Adipositas-Gesellschaft, deren Präsident, Prof. A. Wirth sogar ein Präventionsgesetz fordert, um die von ihm erwartete Explosion bei den Folgekosten von 300 Millionen pro Jahr einzudämmen und um endlich mit den notwendigen Präventionsmaßnahmen beginnen zu können.
Von Epidemie kann man, nach einer gültigen WHO Definition, immer dann sprechen, wenn sich eine Krankheit massenhaft verbreitet. Die Definition gilt übrigens nicht ausschließlich für infektive Krankheiten, wie Grippe, SARS oder AIDS; in diese Definition werden ausdrücklich die sog. Zivilisationskrankheiten einbezogen, eben: Übergewicht, Bewegungsmangelfolgekrankheiten, u.a.
Um die volkswirtschaftliche Dimension der Problematik zu erfassen, muß man sich die durch Bewegungsmangelkrankheiten notwendigen Finanzleistungen der Krankenkassen vergegenwärtigen: nach Aussagen der AOK Berlin belaufen diese sich auf ca. 60 Milliarden EURO pro Jahr.
Rat und Tat – Kinder und Jugendliche bleiben auf ihren Pfunden sitzen! Viele Experten stehen mit Rat bereit. Je nach Berufsstand, politischer Couleur oder Verbandszugehörigkeit empfehlen sie ein anderes Mittel:
mehr Sportunterricht und mehr Sportlehrer - scheitert an den Länderfinanzen,
die tägliche Sportstunde - versucht man seit den 60ger Jahren des vorigen Jahrhunderts; davon ist man heute weiter als je zuvor entfernt;
Trainer und Übungsleiter an die Schule - für wenig motivierte Kinder ungeeigneter Personalersatz;
Gesundheitslehre als Schulfach - Entwicklungszeit zu lang und verlangt neue Lehrerstellen, Aus- und Fortbildung, Investitionen vom Land - Ende;
Ernährungsberatung - im Lehrplan nicht verankert; nur als gesundes Schulfrühstück kann die Essgewohnheiten nicht ändern; für die Initiativen der Lehrer gibt es kaum Fortbildungsangebote;
die Eltern müssen mehr tun - Frühstück, gesunde Ernährung, Sport, u.a.; nur für diejenigen, die das Problem verstehen und es sich leisten können;
Sportvereine sollen helfen - die tun schon was sie können, brauchen aber Kinder mit Motivation und mehr Geld und Anerkennung vom Staat.
schon in der Kita beginnen – Modelle für bewegungs- und gesundheitsfördernde Kitas gibt es schon längst. Angesichts der aktuellen Kürzungspolitik und der Ausbildungsreform für die Erzieher gibt es auf dieser Seite wenig Hoffnung.
Diese „kakophone“ Lösungssammlung ließe sich beliebig fortsetzen; eines fällt aber bei allen auf: die Protagonisten fordern immer Taten von anderen. Dabei wird schnell klar, dass die Kinder auf ihren Pfunden sitzen bleiben.
Hauptursache für Übergewicht und Fettleibigkeit ist nach Aussagen der Adipositas-Gesellschaft der Bewegungsmangel - die Fehlernährung ist dabei nachrangig.
Im Verlauf dieser vergangenen Jahre erschienen nicht nur in der Fachpresse des Sports oder der Medizin sondern auch in den Tageszeitungen und Journalen pessimistische Zustandsberichte, die auf aktuelle Studien gestützt, Daten, Zahlen und Fakten publizierten und z.B. die abnehmenden Leistungen bei den Bundes Jugendspielen, kommentierten. Die erschreckende Tendenz wird durch die jüngste Studie aus der AOK und des DSB bestätigt . Die Analyse der Ergebnisse aus den Jahren 2001/02 zeigen einen Rückgang der körperlichen Leistungsfähigkeit im Alterssegment 6 – 18 Jahren auf und bestätigen damit alle Studien der letzten 10 Jahre.
Kranker Körper – gesunder Geist? Geht man nach den neuesten veröffentlichten Zahlen der Sonderberichte zum gesundheitlichen Zustand von Kindern und Jugendlichen in Berlin , den PISA Berichten, den Aussagen des Landessportbundes und der Sportjugend, so sind 25 - 30 % aller Berliner Schulanfänger in einer oder mehrerer Hinsicht in ihrer geistigen oder körperlichen Entwicklung gestört. Einzeluntersuchungen bestätigen die Auswirkungen in den Fächern Sport, Deutsch, Mathematik; in Wirklichkeit ist der gesamte Fächerkanon der Grundschule betroffen. Mediziner stellen fest, dass Kinder und Jugendliche zunehmend mehr sog. Erwachsenenkrankheiten bekommen, die auch mit Medikamenten für Erwachsene behandelt werden. Zum Unglück für alle an Schule und Erziehung Beteiligten greift die Medikamentierung durch Retalin um sich. Verschriebene und kontrollierte Gaben bis zur Grauzone der privaten, verdeckten Verabreichungen sind bekannt.
Die Schulpraktiker, Lehrer, Erzieher, Sozialpädagogen bekommen diese Entwicklungsmängel als erstes zu spüren. Ihre Bemühungen, Kindern Wissen zu vermitteln, die Umwelt aufzunehmen, soziale Verhaltensweisen zu lernen, mit ihren Mitschülern zusammenzuarbeiten, sich in unserem Kulturkreis zurechtzufinden und Freude am Schulleben zu haben scheitern an ganz elementaren Defiziten.
Die Aufnahmefähigkeit der Kinder ist schon zu Beginn der Schulzeit soweit eingeschränkt, dass es den Lehrern unmöglich ist, in einem normalen Klassenverband die notwendigen Kulturtechniken, wie Lesen, Schreiben, Sprechen, Singen, Rechnen Malen, Kooperieren, Streiten und Vertragen, Wünsche und Phantasie ausdrücken etc. in einem überschaubaren Zeitraum zu vermitteln. Sie scheitern schon zu Beginn der Schulzeit an den bereits bekannten Phänomenen: ADSH, Koordinationsfähigkeit der Gliedmaßen beim Vorwärts- und Rückwärtslaufen, Orientierung im Raum, Übergewicht und Fettleibigkeit, unvermittelte Aggressivität und Lethargie, u.v.a.m. - im fortgeschrittenen Alter entwickeln sich dadurch Lese-, Mathe- und Rechtschreibschwächen.
In der guten alten Zeit Vor 20 Jahren waren Schüler mit diesen Benachteiligungen Einzelfälle, die als solche behandelt und betreut wurden. Psychomotorik war die Antwort der Wissenschaft auf ein neu erkanntes Problemfeld. Neue Ausbildungszweige entstand an den Universitäten, neue Stellen wurden in den Schulämtern und Schulen geschaffen, teure Räume in Schulen, Gesundheitsämtern, Praxen mit spezieller Ausstattung eingerichtet, damit die Schüler möglichst schnell in den normalen Schulalltag integriert werden konnten. Die Lösung war eine effektive und auch erfolgreiche Einzelfallhilfe. Was allerdings als Einzelfallhilfe begann, ist jetzt zu einem mit den herkömmlichen Finanzmitteln nicht mehr beherrschbaren Massenphänomen geworden. Angesichts der massenhaften - epidemischen - Verbreitung der Entwicklungsdefizite der Schüler, ist die individuelle Hilfe nicht mehr bezahlbar. Die sozialen Sicherungssysteme wie Krankenkassen oder Sozialämter können die finanziellen Belastungen nicht mehr tragen; der Streit um die Zuständigkeit und damit über die Kostenübernahme ist bereits voll entbrannt. Hinzu kommt, dass in manchen Berliner Schulen die teuren zum Teil mit Elternspenden eingerichteten Psychomotorikräume wegen Personalmangel nicht genutzt werden können.
Der Feuerwehrreflex In der allgemeinpädagogischen, medizinpädagogischen, psychologischen Fachliteratur werden seit vielen Jahren die ursächlichen Zusammenhänge zwischen
der in den Schulen erworbenen Sprachlosigkeit von Schülern und deren Gewaltbereitschaft,
die in der Schule erlittenen Frustrationen und Ausgrenzungserfahrungen und dem späteren Drogenkonsum,
die mögliche Vorschubleistungen der Medikamentengaben (vorzugsweise Retalin) und einer zukünftigen kriminellen Drogenkarriere (siehe hierzu die Drogeninformationsbroschüre der Berliner Polizei, s. ..),
die in der Schule eingeübte Informationsaufnahmeverweigerung und die pannenbelastete AIDS, Sexual-, Zahnpflege- etc-Kampagnen
hingewiesen. Immer dann, wenn neue Statistiken publiziert werden, ein neuer Skandal aus der Schule die Presse erreicht, Eltern sich mit den Problemen an die Öffentlichkeit wenden (vorzugsweise in Wahljahren) oder bei internationalen Vergleichen schlecht abgeschnitten wird, tritt der Feuerwehrreflex ein. Ob bei Landesregierungen (jedweder Couleur), führenden Schul- und Sozialpolitikern (dito) oder in Schulverwaltungen - alle fordern sofortige und vor allem schnelle Reaktionen mit geschwind vorzeigbaren Ergebnissen. Die gegebenen Kommandos seitens der Verwaltungen gleichen einer Kakophonie - das „faule Lehrerpack“ wird hervorgezogen und öffentlich abgenickt. Die Steuerkommandos gleichen häufig denen eines Tankerkapitäns, der eine 90 Grad Kurve fahren will.
Als mildeste Reaktion werden wissenschaftliche Studien gefordert, mit denen man einschneidende Reformen begründen will - auch hier sind die einstmals für die bereitwilligen Wissenschaftler (Forschungs- und Drittmittelhaie gibt es genug; mancher Lehrstuhl finanziert sich und die Personalexstras nur durch diese Mittel) sprudelnden Ressourcen mittlerweile knapp geworden. Dem Finanzsenator sei Dank, denn: Die früheren Studien zum gleichen Thema sind inzwischen - folgenlos - zur staubigen Bückware in den Schreibtischen der Behörden verkommen. Wo bleibt die Hilfe für die Praxis? Die Schulen werden mit den entstehenden Problemen alleingelassen.
Nur die Köpfe - oder die ganzen Kinder? Öffentlichkeit, Politik und Wissenschaft beschäftigen sich lediglich mit der Frage, wie das (für den Rang beim PISA Test?) so notwendige Wissen in die Schülerköpfe verbracht werden kann - ungeachtet der Tatsache, dass immer „ganze Kinder“ in die Schule kommen, deren körperliche Entwicklungsdefizite sich negativ auf ihre Intelligenzentwicklung, ihren Lernerfolg, auf die Klassengemeinschaft, auf die Leistungsfähigkeit der Lehrer und damit den Erfolg des Schulsystems auswirken. Hilfe von verfeinerten Vermittlungstechniken, von einem früherem Start der Sprachvermittlung u.a. zu erwarten, ist angesichts der dagegenstehenden Tatsachen unangemessen solange man den Ursachen nicht beikommt. Die veröffentlichten Erfolgsrezepte müssen alle scheitern,
- wenn Kinder keine gesunden Räume zum Aufwachsen haben,
- wenn ihre Lebensräume nicht mit Bewegung gefüllt werden,
- wenn ihr Lebensstil durch: Verinselung, Verhäuslichung, Technisierung ihrer Spielwelten, Reiz- und Erlebnisarmut gezeichnet ist.
Innovieren statt Kurieren Bundesländer wie NRW (Bewegte Schule), Baden-Würtemberg (bewegungsfreundlicher Schulhof), Hessen, Niedersachsen (Bewegter Unterricht) haben eine bewegungs- und gesundheitsorientierte Erneuerung ihre Schulprogramme und Schulprofile begonnen. Mit dem Konzept der Bewegten Schule wird ein neuer Weg beschritten: der Sportunterricht wird von der Aufgabe entlastet, allein für die Gesundheit der Schüler und Schülerinnen sorgen zu müssen: Bewegungserziehung wird als durchgängiges Ziel für alle Bereiche der Schule anerkannt und reicht hinein bis in den Unterricht aller Fächer: Bewegter Unterricht ist Ausdruck einer bewegungsfreudigen Schule. Dahinter steht die Einsicht in die positiven Zusammenhänge von Bewegung und Gesundheit sowie von Bewegung und Lernerfolg. In diesem „Paradigmenwechsel - vom Sport zur Bewegungserziehung - verbirgt sich aber auch eine fundamentale Kritik am Schulsport von heute.
Bewegte Schule - Gesunde Schule - Bewegtes Lernen - Bewegter Unterricht Hoffnung gibt es, wenn auch nur wenig: es gibt Schulen in Berlin, die können offensichtlich mit den beschriebenen Problemen umgehen. Ein allgemeingültiges Rezept haben diese Schulen nicht, aber einen erfolgversprechenden Ansatz, der dem Spiel und der Bewegung einen höheren Stellenwert im Schulalltag zuweist. Gesundheitsförderung und Bewegungserziehung sind in dem von den Lehrern entwickelten Schulprofil eingebunden und bestimmen das Unterrichtsgeschehen, die Organisation der Pausen und der Nachmittagsfreizeiten. Sie bringen mehr Bewegung in die Schule. Nicht der Sportunterricht sondern die durchgängige Verbindung zwischen Bewegung und Lernen erzeugt eine gute Atmosphäre zum gesunden Aufwachsen. Vor allem Schülern mit ADSH und motorischen Defiziten gelingt es, ihre Aufmerksamkeitsdefizite im Verlauf der Grundschule zunehmend mehr zu beherrschen, den Lehrern gelingt es in ihrem bewegten Unterricht mit den Defiziten der Schüler umzugehen und eine leistungs- und belastungsfähige Lernsituation zu schaffen. Das Konzept der Bewegte Schule füllt Räume mit Bewegung und fördert im Verlauf des Schulalltags die Gesundheit von Schülern und Lehrern. Letztere profitieren, wie eine Voruntersuchung aus dem Bereich der Grundschullehrerausbildung der FU Berlin zeigt, auch von dem gesundheits- und bewegungsorientierten Schulprogramm: ihr individuelles Wohlbefinden, ihre Berufszufriedenheit ist höher im Vergleich zu Schulen ohne Gesundheits- und bewegungsprofil, Unterrichtsausfallzeiten durch Krankheiten geringer und das Wissen um ihre Gesundheit und wie man diese erhält ist bei ihren Schülern wesentlich höher als in den Vergleichsschulen ohne Gesundheitsförderung.
Bewegungserziehung statt Sportunterricht? Die dem Sport und dem Schulsportunterricht zugewiesenen Aufgaben kann dieser seit langem nicht mehr erfüllen. Die Aussagen im Schulsportcurriculum über die gesundheitlichen Wirkungen werden von Fachleuten zu recht in Frage gestellt. Wie soll z. B. eine Sportstunde in der 6 Stunde seine (behauptete oder tatsächliche) positive Wirkung auf die ersten 5 Schulstunden ausüben? Wie sollen die maximal 3 Sportstunden pro Woche (wenn sie nicht ganz oder teilweise ausfallen) den oft zitierten „Bewegungsdrang“ von Grundschülern zufriedenstellen? Die Hilfen der Fachliteratur zeigen praktische Wege zu einem modernen Sportverständnis auf. Mit den aufbereiteten Unterrichtsmodellen könnten Schüler begeisternden Sportunterricht erleben. Leider können diese Hilfen ihre erhoffte Wirkung nicht entfalten, da häufig die Lehrer, die den Unterricht erteilen, gar keine Fakultas für den Sportunterricht hatten und demzufolge die Fachzeitschriften auch nicht lesen? Was, wenn es tatsächlich stimmt, dass lediglich 30% des Grundschulsportunterrichts von ausgebildeten Fachkräften erteilt wird? Was passiert unter diesen Umständen mit der sich entwickelnden neuen Bewegungs- und Sportkultur in diesem Lande?
Niemand hat etwas von dem punktuell gegebenem Sportunterricht, auch drei erteilte Sportstunden können das fehlende Potential an täglich notwendiger Bewegungs- und damit Entwicklungszeit ausgleichen: Die o.g. Daten und Fakten aus diversen Untersuchungen zeigen, dass zwischen dem Schuleintrittsalter und Klasse 10 sich die körperlichen Probleme der Schüler und besonders der Schülerinnen verschlechtern. Allein in der Ausweitung der täglichen Bewegungszeit (die erste Forderung nach der täglichen Sportstunde liegt ca. 40 Jahre zurück) liegt die Lösung für die beschriebenen Probleme - daher muß mehr Bewegung in den Schulalltag. Bewegung gilt als Parameter für eine gesunde körperliche und geistige Entwicklung. Das Angebot dafür muss auf eine breitere Basis gestellt werden, um diese zugewiesene Funktion zu erfüllen. Bewegung muss daher als ein quergängiges Prinzip in den Schulalltag eingefügt werden. Diese Erkenntnis hat sich in einigen Bundesländern schon durchgesetzt. Der Schulsport wird durch Bewegungserziehung im Unterricht, durch spezifische Bewegungsanreize in den Pausen und eine ökologische, gesundheits- und bewegungsfördernde Schulhofgestaltung ergänzt.
Soll jeder Grundschullehrer „sporteln“ können? Das Konzept der Bewegten Schule kann nur dann seine gesundheitsfördernde Wirkung entfalten, wenn jeder Lehrer etwas davon versteht, wenn das Schulprofil vom gesamten Kollegium getragen wird, wenn die Erzieher einen fachkundigen Beitrag zur motorischen Entwicklung der von ihnen am Nachmittag betreuten Kinder leisten können. Diese Forderungen und Ansprüche an die fachlichen Qualifikationen für Grundschullehrer und Erzieher liegen seit langem vor. Zu fragen bleibt: Was lernen zur Zeit die zukünftigen Grundschullehrer z.B. in Berlin? Werden sie – einmal im Dienst – über Kenntnisse und Handlungskompetenzen verfügen, mit denen sie der Gesundheits- und Schulleistungsmisere begegnen können? Zu befürchten ist, dass sie auch an der auf sie zukommenden Situation scheitern werden. Ist damit nicht die nächste „burn-out“ Welle vorprogrammiert?
Ohnmacht der Wissenschaft - Macht der Verwaltung? Angesichts der Problemlage ist es unverständlich - gar ärgerlich, dass den zukünftigen Grundschullehrern das Wissen um Bewegten Unterricht, die Organisationsformen der Bewegten Schule in Berlin nahezu komplett vorenthalten werden. Für eine Studienreform ist es längst zu spät; aber ohne eine Revision in der Lehrerausbildung verschärft sich die Problemlage mit den oben beschriebenen Folgen für die Kinder. Zu fragen ist, warum die Erziehungswissenschaft an der FU bisher gezögert hat, die Aufnahme von Lehrangeboten in das Studienangebot verhindert wurde und die seit Jahren vorhandenen fachspezifischen Lehrkapazitäten für diese wichtige gesellschaftliche Aufgabe nicht einsetzt wird ?
Bottom up - Bewegung kommt von unten! Studierende der Grundschulpädagogik an der FU Berlin haben die Defizite in ihrer Ausbildung erkannt und wehren sich mit der Aktion: Pro Gesundheitsförderung. Auf dem Umweg über ein Zertifikat, das vom Verein Gesunde Stadt e.V. angeboten wird, können sie sich das Wissen für ihre Zukunft selbst besorgen. Damit nehmen die Studierenden ihre Qualifikation selbst in die Hand. Sie bringen es auf den Punkt:
„Wir wollen nicht wehrlos dem PISA - Schock, dem RETALIN - Desaster oder dem Hyperaktivitäts- und Aufmerksamkeitsmangel-Syndrom gegenüberstehen, bis uns das „burn-out“ Syndrom ereilt!“
So war der Tenor der Aussagen der Studierenden an der FU Berlin, Studiengang Grundschulpädagogik am Ende des Seminars: „Bewegte Schule - Gesunde Schule“, in den vergangenen 6 Semestern. Angeregt wurden die Teilnehmer durch die Besuche bei Schulen mit gesundheitsfördernden Programmen, durch die Teilnahme an bewegtem Unterricht in allen Klassen und Fächern sowie einer „Feuerprobe“, die im Rahmen des Seminars für alle Studierenden Pflicht war: Planung, Organisation und vor allem Betreuung eines Gesundheitsparcours mit bis zu 60 Schülern. Dabei wurden die Studierenden in ihrer Auffassung bestärkt, dass die jetzige Grundschullehrerausbildung nicht ausreicht, um sie auf die anstehende Probleme in der Schule vorzubereiten.
Die Forderung der Studierenden nach mehr qualifizierten Ausbildungsangeboten im Bereich Gesundheitsförderung wird seitens des Fachbereichs und der Universitätsverwaltung abgelehnt. Eine Studienreform dauert zu lange und hat zudem wenig Aussicht auf Erfolg. Als einzige Lösung sahen die Mit-Initiatoren der Initiative „Pro Gesundheitsförderung in der Grundschullehrerausbildung“, Prof. J. Liepe und Stephan Riegger, in der Gründung des Vereins: Gesunde Stadt e.V. (gesundestadt.de). Der Verein fördert die Lehrveranstaltung „Bewegte Schule - Gesunde Schule“ und startete im WS 2002/3 die erste Initiative zum Zertifikat „Gesundheitsförderung und Bewegungserziehung“.
Lösungen - Kooperation der Gesundheitsförderer in Berlin Mit Beginn des Sommersemesters 2003 ist an der FU Berlin, Fachbereich Erziehungswissenschaft und Psychologie das Projekt: Zertifikat Gesundheitsförderung und Bewegungserziehung begonnen worden. Das Projekt wird von dem am FB 12 gegründeten Verein Gesunde Stadt e.V. betreut.
Das Zertifikat - einmalig in Berlin - ist eine zusätzliche, fakultative Option für Studierende, die ihre Qualifikation im Bereich der Gesundheitsförderung erweitern und vertiefen wollen. Der dafür erstellte Studienplan zum Erwerb des Zertifikates bezieht reguläre Lehrangebote der FU, der TU (Berliner Zentrum für Public Health), HU, Charité und anderer wissenschaftlicher Ausbildungseinrichtungen und Institute in Berlin mit ein. Die Vertreter der Institutionen und wissenschaftlichen Einrichtungen haben ihre Bereitschaft zur Kooperation zugesagt. Diese besteht darin, den Studierenden der Grundschulpädagogik an der FU Berlin den Zugang zu ausgewählten Lehrveranstaltungen zu gestatten und damit ihre Wissensbestände in diesen Bereichen für die Studierenden zugänglich zu machen.
Der Zertifikats-Studienplan für das Sommersemester 2003 ermöglicht eine individuelle Vertiefung und Erweiterung berufsqualifizierender Handlungskompetenzen für die angehenden Grundschullehrerinnen in den Bereichen Gesundheitsförderung, Gesundheitserziehung, Kinder- und Jugendgesundheit, Stadtplanung und Gesundheit, Bewegungserziehung und Psychomotorik, Grundlagen der Medizin u.a. Feldern der Gesundheitsförderung.
Inhalte und Umfang des Studiums sind für den Zertifikatserwerb im Rahmen der zur Verfügung stehenden Lehrveranstaltungen der beteiligten Einrichtungen festgelegt (Bausteine). Die Auswahl der Lehrveranstaltungen wird bei einer Beratung vom Verein Gesunde Stadt e.V. individuell vereinbart (Tutoring). In einem Studienplan werden die jeweiligen Leistungsnachweise festgelegt.
Die Studierenden erhalten mit dem Nachweis ihrer Studienleistungen das den selbstgewählten Studienschwerpunkt bestätigende Zertifikat „Gesundheitsförderung und Bewegungserziehung“. Das Zertifikat ergänzt das individuelle Qualifikationsprofil der Studierenden und zeigt den einstellenden Behörden, was die Anwärter über den studierten Fächerkanon hinaus noch alles können.
Der derzeitige Stand der Anmeldungen seitens der Studierenden ist sehr ermutigend. Die Betreuungskapazität ist bereits überschritten.
Kontakt Gesunde Stadt e.V.
Prof. J. Liepe (liepe@gesundestadt.de)
Stephan Riegger (riegger@gesundestadt.de); Tel.: 83840552
Treichel, T.: Klettern, tanzen, Grammatik lernen. In: Berliner Zeitung, 3/03; Zitiert Luise Seibelt, AOK
Klaes, L., Cosler, D.; Rommel, A; Zens, Y.: Dritter Bericht zum Bewegungsstatus von Kindern und Jugendlichen in Deutschland. Ergebnisse des Bewegungs-Check-Up im Rahmen der Gemeinschaftsaktion von AOK, DSB und WIAD „Fit sein macht Schule“.Bonn 1/2003
Delekat, D.: Spezialbericht 2003 – 2. Zur gesundheitlichen Lage von Kindern in Berlin. Ergebnisse und Handlungsempfehlungen auf Basis der Einschulungsuntersuchungen 2001. Herausgegeben von der Senatsverwaltung für Gesundheit, Soziales und Verbraucherschutz.,Abt. Gesundheitsberichterstattung, Berlin 2003
Der Autor, Beamter an der FU, in der Lehrerausbildung tätig, Spezialist für Bewegte Schule, Bewegungserziehung, Gesundheitsförderung, Schulhofgestaltung, Spielraumplanung, kämpft zur Zeit mit der FU-Administration darum, ob er sein Wissen an Lehrerstudenten weitergeben darf oder nicht.