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Laudatio für ein das Labyrinth - Kindermuseum, Berlin Mitte
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Stephan Riegger
Freie Universität Berlin
Gesunde Stadt e. V.
11/2004
Laudatio für ein das Labyrinth - Kindermuseum, Berlin Mitte
Mein Vortrag enthält Reflexionen, Informationen, Gedanken und Sichtweisen zum gesunden Aufwachsen in der Stadt. In diesem Zusammenhang stehen die Fragen: hat das Spiel der Kinder „gesellschaftliche" Bedeutsamkeit? Kann man in der Stadt gesund aufzuwachsen und wie stehen die Chancen dafür? Erhält das Spiel den Menschen gesund? Dies Fragen stelle ich zugunsten einer anderen Frage erst einmal zurück.
Die Frage lautet: Ist das Labyrinth Kindermuseum ein Ort des Lernens und der Inspiration – nur für Kinder ist? Zur Beantwortung dieser Frage mache ich Sie mit einer meiner Lieblingsthesen bekannt, die da lautet: „Das Labyrinth-Kindermuseum ist gar nicht für Kinder!“
Das Kindermuseum Labyrinth ist in einer alten Fabrikhalle untergebracht. Der Ort hat noch immer viele Zeichen, Hinweise, Einrichtungen, die darauf hindeuten. Fabrikhallen sind in der Regel nicht für das Kinderspiel geeignet – Erwachsene sind sich da einig. Einrichtungen, die nur für Erwachsene da sind, in denen gearbeitet, mit technischem Gerät umgegangen und etwas produziert wird, erregen aber grundsätzlich das Interesse / die Neugier von Kindern und Jugendlichen; gerade das Verbot zieht an und regt dazu an, hinter die Kulissen zu schauen, um zu erfahren, was da vor sich geht.
Aus meiner Sicht ist dieser Ort weiterhin eine Fabrik (Produktionsstätte) geblieben. Diese hat aus industriesoziologischer und betriebswissenschaftlicher Sicht einige unbestreitbare marktwirtschaftliche Vorteile. Auch und vor allem im Zeitalter der Globalisierung kommt es auf die Belegschaft an und dass sich diese mit dem Management versteht.
Die „Betriebsmannschaft“ des Labyrinths zeichnet sich durch folgende Qualitäten aus:
sie ist hochmotiviert, erscheint pünktlich am Arbeitsplatz und muss – um sich nicht zu überarbeiten – vom Management zu Pausen oder „zum Feierabend machen“ aufgefordert werden (ein vorbildlicher Betriebsschutz)
Wochenarbeitszeit, Samstags- und Sonntagsarbeit, 35 oder 45 Stundenwoche – kein Thema – produziert würde – wenn nicht die entsprechenden Schutzbestimmungen für die Belegschaft von den Verantwortlichen durchgesetzt werden würden – Rund um die Uhr:
einziger Nachteil für das Management: „Stress“. Dies nicht etwa durch Faulheit, Ausschussproduktion, Fehlerrate oder Kunden/Abnehmermangel, hohe Lagerbestände und Absatzschwierigkeiten – sondern durch die tägliche „Bremsleistung“ und die Besorgnis, die Belegschaft könne sich überarbeiten und gesundheitlich leiden
die Betriebsmannschaft besitzt ein großes Kreativitätspotential mit nachhaltiger Auswirkung auf die Produktion – es werden Probleme selbständig und mit Teamgeist gelöst, Konflikte heruntergespielt, Störungen und Störer werden ausgespielt, Hindernisse werden umspielt, Arbeitsprozesse werden eingespielt, neue Kenntnisse und Lösungen, Gedanken und Vorschläge werden durchgespielt, Unsicherheiten werden einfach überspielt, Gruppen und Teams werden eingespielt, zu Festen und Betriebsfeiern wird aufgespielt.
sie hat ein schier unendliches Innovationspotential, wodurch das Produkt nahezu unkopierbar wird; daher ist das Produkt konkurrenzlos auf dem Weltmarkt – weil „unnachahmlich“.
(Sorgen machen die städtischen „Shareholder“ dem Labyrinth. Diese sind unzuverlässig: sie spekulieren auf Zeit oder eher bei Banken und mit Grundstücken. Gelegentlich überzeugen Sie sich vom Produkt, zeigen sich auf Festen und Feiern des Labyrinths, z.B. bei der Neueinführung eines innovativen „Produktes“. Viele Befürchten allerdings, dass dieses Finanzgebaren bei den nächsten überbetrieblichen Wahlen negativ zu Buche schlagen wird und dass bei den dann folgenden Betriebsversammlungen – wenn es um die Renten der Shareholder geht – es ein böses Erwachen geben wird.)
Was ist das „Produkt des Labyrinth Kindermuseums“?
Das Produkt , das ich meine, wird täglich neu kreiert, praktisch und anschaulich vorgeführt und mit immer neuen Varianten bereichert, so dass sich das Kommen für Erwachsene mit familiären Interessen oder beruflichem Zusammenhang immer lohnt.
Das Produkt ist nicht die Show, der Lärm, die Freude, das Theater, nein, das Produkt verbirgt sich dahinter – es ist abstrakt und konkret zugleich.
Das Produkt ist für Spezialisten leicht durchschaubar, sichtbar, für diejenigen, die von berufs- oder von amtswegen mit Kindern und Jugendlichen zu tun haben; es ist beruflich verwertbar. Für diejenigen, die einen guten Job machen wollen, ist das Produkt gleichsam die Basis ihres beruflichen Erfolges:
Worum handelt es sich bei dem Produkt, und wer sind die Abnehmer – also: für wen ist dieser Ort (m.E.) eigentlich gedacht?
Nach meiner These ist das Kindermuseum eine „Fabrikanlage“ geblieben: Eine Produktionsstätte für „Gutes Spielen“ Die Betriebsmannschaft sind natürlich die Kinder, die jeden Tag der Woche kommen um das Produkt herzustellen. Bei dem Produkt handelt es sich um die „Kriterien für gesundes und bewegtes Spielen und Lernen“.
Zusammenfassung und zurück zur Eingangshypothese:
Warum ist das Kindermuseum eigentlich für Erwachsene da?
- Kinder leisten in dieser Fabrik Arbeit für die Gesellschaft: Sie zeigen (täglich aufs Neue) den Erwachsenen, wie man gut spielt, was zum Guten Spiel dazu gehört, wie man erkennt, was Gutes Spiel ist – und damit auch: was kein gutes Spiel ist!
- Kinder müssten eigentlich für ihr Herkommen bezahlt werden!
Die Frage, für welche Erwachsenen die Kinder hier (auf-)spielen, weist direkt auf die Kongressteilnehmer/Innen – auf uns Erwachsene und auf unsere unterschiedlichen Berufe hin:
Architekten und Stadtbaumeister
Spielgerätehersteller
Minister, Senatoren und Stadträte mit den Zuständigkeitsbereichen (Schule, Jugend, Soziales, Gesundheit, Grünflächen, Stadtentwicklung, u.a.)
Stadtplaner, Amtsleiter für Hochbau, Grünanlagen, öffentliches Bauen u.a.
Pädagogen, Lehrer, Erzieher, Hochschullehrer mit den Wissenschaftsbereichen (Lehrer- und Erzieherausbildung, Psychologie, Medizin, Public Health, u.a.)
Beauftragte für Frauen und Mädchen, Ausländer, Migranten u.a.
Kiezmanager, Quartiersmanagern, Projektmanager, u.a
Die Aufzählung hat keinen Vollständigkeitsanspruch. Sie soll lediglich zeigen, welche unterschiedlichen Verantwortlichkeits-, Zuständigkeits- und Arbeitsbereiche mit dem Gesunden Aufwachsen von Kindern und Jugendlichem zu tun haben, darauf Einfluss nehmen und deren Arbeitsqualität sich unmittelbar auf die „Standortqualität einer Stadt“ für Kinder und Jugendliche auswirken.
Man kann also Zweierlei im Hinblick auf meine Eingangsthese schlussfolgern: Das Labyrinth Kinder Museum ist für Erwachsene da – versönlich will ich ein „auch“ hinzufügen. Wem das logisch erscheint kann auch der Aussage zustimmen, das Spielen und die gesundheitlichen Wirkungen des Spiels ist in vielerlei Hinsicht „gesellschaftlich“ bedeutsam“sind . Demzufolge hat das Labyrinth Kindermuseum - als „Produktionsstätte“ von anschaulichen Qualitätskriterien für gutes und gesundes Spiel – für die Stadt und ihre Kinder einen gesellschaftspolitisch hohen Wert.
¹Vortrag zur Eröffnung der Tagung im Labyrinth Kindermuseum: „Was kommt nach tut-mir-gut?“ Titel: Zum gesunden Aufwachsen in der Stadt – oder: warum ist es so wichtig, einen Ball fangen zu können?
²Da ich das Museum und die Leitung seit vielen Jahren gut kenne, kann ich mir diese ketzerische These erlauben. |