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 Diskussion  

 

Kommentar zum Beginn des neuen Semesters 2006

Vorsicht geboten! – Lehrerstudium kann Gesundheit gefährden!

Den Lehrerberuf ergreifen? Besser: fragen Sie zuerst Ihrer Arzt und Apotheker! Diese können aber den Studierenden sicher auch nicht sagen, ob das Studium sie angemessen zur Bewältigung ihrer zuküftigen Aufgaben vorbereitet?

Zunächst muss festgestellt werden, dass, wer auf die Anforderungen seines Berufs nicht genügend vorbereitet ist, wer mit den täglich anstehenden Problemen nicht fertig wird, seine ursprünglichen Motivationen grundlegend enttäuscht sieht, ist dauerhaft unzufrieden und wird unvermeidlich krank. Dies wird zurzeit sichtbar an der hohen beruflichen Dropout-Rate bei Lehrern. Was am Ende einer nicht realisierten Lehrerkarriere steht, ist eine gesundheitliche, psycho-physische Katastrophe, das sog. Burnoutsyndrom. Vorangegangen sind Jahre der Frustration, Enttäuschung und Hilflosigkeit gegenüber den Problemen der Schule, der Schüler, der Schulorganisation. Für zu viele Lehrer reichte das Lehrer-Handwerkszeug aus dem Studium vom einst nicht bis zum Ende ihrer „Dienstfahrt“. Abgesehen von dem persönlichen Schicksal bedeutet das massenhaft vorzeitige Ausscheiden von Lehrern – in manchen Bundesländern bis über 90% - eine hohe Belastung für Landeshaushalt und Krankenkassen. Der volkswirtschaftliche Schaden ist groß, das individuelle Schicksal bedauernswert – für Schüler, Eltern und die Qualität von Schule ist dieses massenhafte Scheitern auch eine Katastrophe, da das Ausscheiden eine lange Vorlaufzeit hat, in der die Lehrer keinen guten Job mehr machen können.

Die Erwartungen der Gesellschaft an die nächste Lehrergeneration sind groß. Sie sollen die schulischen Leistungen der Kinder verbessern, die neuen Ganztagsschulen mit Bildung und Leben füllen, Schulprofile entwickeln, Geist und Körper der Kinder in Bewegung versetzen und vieles andere mehr. Kurzum: die weltweite Konkurrenzfähigkeit des deutschen Bildungssystems anheben und die schlechten PISA Ergebnisse korrigieren. Keine einfache Aufgabe.

Zu fragen bleibt: Welche Kinder werden die Klassen füllen? Mit welchen Problemen werden die Neuen konfrontiert werden? Was für Probleme haben die Kinder schon von heute ... und morgen erst? Mit welchen Lehr- und Vermittlungsmethoden können Deutsch, Frühenglisch, Mathematik, Sachunterricht, Physik und Sport erfolgreich unterrichtet werden?

Die gesundheitliche Realität von Kindern und Jugendlichen heute ist anders als in den 70ger und 80ger Jahren in denen die meisten der heutig tätigen Lehrer ausgebildet wurden. Damals sprach man aber schon von der Praxisferne des Lehrerstudiums und dem Praxisschock, der alle neuen Lehrer erwartete. Die aktuellen und zukünftigen Problematiken der Schüler wurden in den Vorträgen zu den wissenschaftlichen Untersuchungen auf dem Kongress der Deutschen Adipositas Gesellschaft aufgezeigt: Übergewicht und Fettsucht sind unter deutschen Kindern und Jugendlichen epidemisch verbreitet – Aussichten auf Besserungen sind nicht in Sicht. Dagegen stehen die „Ver-Snakung“ unserer Essgewohnheiten, die verdeckten Fett- und Zuckergehalte, die ständig größer werdenden Portionen (Maxiportionen gibt es im Kino, bei Fastfoodketten, bei Verpackungen von Chips und Süßigkeiten), die anerzogene Maßlosigkeit bei der Nahrungsaufnahme und die Hilf- und Wirkungslosigkeit der Institution Schule.

Übergewicht und Bewegungsmangel sind eine folgenreiche Mischung, die zu Aufmerksamkeitsdefiziten, Lernleistungsstörungen, Aggressivität und schließlich auch zu Gewalttätigkeit unter den Kindern und Jugendlichen führt, von denen auch die Lehrer nicht verschont werden.

Bereiten die neuen Studiengänge auf diese Realität vor? Gibt es Praxisnähe im Bachelorstudiengang? Während sich viele Studiengänge sich einer rigorosen Studienreform unterzogen haben, Nähe zum Berufsfeld gesucht und diese in die reformierten Studiengänge im Rahmen der Entwicklung der Bachelor- und Masterabschlüsse eingebaut haben, blieb das Lehrerstudium fern der Praxis; eine verpasste Chance dem Praxisschock und einer gesundheitliche Gefährdung bei Junglehrern entgegen zu wirken.

Auch für die Erwartungen der Gesellschaft an die nächste Lehrergeneration ist es schlecht bestellt.Was nützen hoch ausdifferenzierte Methoden bei der Vermittlung von Fremdsprachen, ausgeklügelte Leistungsdifferenzierung im Mathematikunterricht und eine komplexe fachlich-inhaltliche Reform im Sachunterricht, wenn der Unterricht schon an der Unruhe der Schüler, der Hyperaktivität einzelner Kinder und das Unvermögen sich auf eine Aufgabe länger als 3 - 6 Minuten in einer Schulstunde zu konzentrieren im Ansatz zu scheitern droht. Hinzu kommen die vielen administrativen Aufgaben, mit denen die Lehrer zurzeit überlastet werden: Leistungstests, Entwicklungsberichte, Evaluation des Unterrichts: alles berechtigte Erwartungen – aber die Vorbereitung darauf. Selbst der Hinweis auf das Referendariat muss angesichts dieser Kompetenzlücken wie ein Feigenblatt erscheinen. Zudem ist allen Schulmachern klar, dass die neuen Lehrer nicht viel Zeit haben werden, sich auf diese Praxis einzustellen – bei der derzeitigen Verrentungsrate werden sie sofort die volle Leistung auf allen Ebenen der Schule einbringen müssen.

Was fehlt bis heute im Lehrerstudium? Was wird von Experten der WHO, den Krankenkassen und den Lehrerverbänden gefordert? Worauf sollten sich die Studienfächer in der Lehrerausbildung konzentrieren? Zum Beispiel bieten die Strategien der Gesundheitsförderung und Bewegungserziehung viele Kenntnisse und Handwerkszeuge an, um den anstehenden Problemen praktisch und kompetent zu begegnen. Um die Lernvoraussetzungen und die Arbeitsbedingungen nachhaltig zu verbessern., brauchen die neuen Lehrer Methoden für den gesundheitsfördernden und bewegten Unterricht, Kenntnisse über eine rückenfreundliche Klassenraumgestaltung, aktiv-dynamisches Sitzen im Unterricht, bewegungsfreundliche Schulgestaltung bei Innen- und Außenräumen, praxisnahe Ideen für die gesundheits- und lernerfolgsfördernde Gestaltung von Klassenräumen, Fluren und Aulen. Sie brauchen anschauliche Konzepte mit denen man Schule mit Bewegung füllen, Bewegungsanreize auf dem Schulhof setzen, Um- und Neugestaltung der urbanen Umgebung der Schulen erreichen, den Schulweg als Lernweg für die Fächer der Grundschule gestalten kann.

Zu fragen bleibt, wer in Zukunft dazu in der Lage sein wird? Ob das Studium die notwendigen Handlungskompetenzen dazu vermittelt? Ob die Hochschulen und ihre lehrerbildenden Fachbereiche die bekannten und dramatischen Probleme aufnehmen? Viel Hoffnung darauf besteht nicht. Schaut man sich die Vorlesungsverzeichnisse in den lehrerbildenden Fächern an, wird man vergebens nach einem breit gefächerten Seminarangebot zur Gesundheitsförderung und Bewegungserziehung suchen. Auch Veranstaltungen zum Thema Unterrichtsstrategien gegen ADHS, zur Übergewichtsproblematik, zur gesundheitsfördernden Schulgestaltung – weitgehend Fehlanzeige.

Die Neuordnung der Lehreraubildung in Bachelor- und Masterstudiengängen ist in der Vergangenheit heftig diskutiert und kritisiert worden. Der Mangel an Praxisrelevanz und problemrelevanten Handlungskompetenzen für die zukünftige Situation an unseren Schulen ist für die zukünftigen Lehrer bedrohlich.

Gesunde und leistungsfähige Schulen kann man nur mit gut ausgebildeten Lehrern haben, die auch bei den zu erwartenden Stressbelastungen gesundheitlich stabil bleiben. Dafür muss ein Umdenken stattfinden. Die Verantwortung dafür liegt zu aller erst bei den Universitäten, die die Studiengänge (erneut) überarbeiten oder mit ergänzenden Lehrveranstaltungen die Lücken schließen müssten. Für eine solche Reaktion bestehen allerdings wenig Aussichten. Vielleicht hilft Konkurrenz unter den Universitäten und eine kritischen Einstellung der Studierenden zum Studienangebot, um die Situation in den lehrerbildenden Fächern zu verbessern: die Studierenden haben allen Grund zu einer gründlichem Überprüfung ihrer Studienwahl: es geht um ihre berufliche Zufriedenheit, ihren Erfolg als Lehrer und nicht zuletzt um ihre Gesundheit.

Autor: Stephan Riegger

Gymnasiallehrer, seit 1982 in Sportlehrerausbildung am ehem. Institut für Sportwissenschaft der Freien Universität Berlin; seit 1996 Lehrveranstaltung zur Gesundheitsförderung und Bewegungserziehung in der Grundschullehrerausbildung; Vereinstätigkeit bei BERLINbewegt e.V. und Gesunde Stadt e.V.; Konzeptentwickler für Moving School 21 – die gesundheitsfördernde und bewegte Ganztagsschule; aktuelle Umsetzung an der Grundschule Am Buschgraben, Berlin Steglitz Zehlendorf.


 



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