Abschlussbericht (Entwurf 1/04)
Das IP Seminar „Moving School 21“ fand vom 29.9.- 9.10.03 in Berlin statt. In der interdisziplinär angelegten Seminararbeit wurden die Wissensbestände von Grundschulpädagogik, Bewegungserziehung, Gesundheitsförderung, Architektur und Stadt- und Landschaftsplanung zusammengeführt und in Vorträgen zu Forschungsvorhaben und Projekten aus den vier beteiligten Partnerländern (Italien, England, Rep.Tschechien, Deutschland) vorgetragen. Zielstellung war es, Strategien, Methoden und Modelle für die Förderung und Stabilisierung der gesundheitlichen Entwicklung der nachwachsenden Generationen zu entwickeln.
Eine der wesentlichen Problemstellungen des Seminars ergibt sich aus den Daten zum Gesundheitszustand der nachwachsenden Generation in den europäischen Ländern: dieser ist besorgniserregend. Neueste Schuleingangsuntersuchungen in Berlin haben einen bis zu 35%- tigen Anteil an Bewegungs- und Entwicklungsstörungen bei den Schulanfängern ergeben. Die gleiche oder ähnliche Entwicklungen werden in den anderen europäischen Teilnehmerländern konstatiert. Einer der ursächlichen Zusammenhänge ist der Bewegungsmangel, ausgelöst oder verstärkt durch einen Spiel- und Bewegungsraummangel in den Ballungsgebieten, die langen Stillsitzzeiten im Hause und in der Schule.
Ausschlaggebend für die Defizite in der körperlichen, geistigen und sozialen Entwicklung von Kindern und deren gesundheitlichem Zustand ist auch der Umgang von Erwachsenen mit den vitalen Bedürfnissen und Interessen von Kindern und Jugendlichen. Insbesondere bei der Entwicklungsplanung von Städten und Gemeinden, bei der Gestaltung von städtischen Lebens- und Bewegungsräumen, den Räumen zum Aufwachsen im Wohnumfeld und in den Hauptaufenthaltsorten des Tages: den Lehr- und Lernräumen für schulisches Lernen und soziale Entwicklung werden Kinder und Jugendliche zu wenig beteiligt. Feststellbar ist in fast allen europäischen Ländern:
es gibt zu wenig Räume zum gesunden Aufwachsen;
es fehlt an gesundheitsfördernden Maßnahmen in der Vorschule, der Schule, in Kitas und Nachmittagseinrichtungen für Kinder und Jugendliche;
es gibt keine nachhaltig wirksamen Strategien für eine kinder- und jugendfreundliche Stadtentwicklung;
bereits entwickelte Partizipationsmodelle mit salutogenetischer Wirkung für die beteiligten Bürger sind zu wenig bekannt, werden in der amtliche Planungspraxis nur ungenügend angewandt und sind kaum Gegenstand schulischer Qualifikations- und Kompetenzentwicklung;
es gibt in Schulen und städtischen Ballungsräumen zu wenig qualifizierte Spiel- und Bewegungsräume mit salutogenetischem Spielwert.
Dieser Defizitkatalog ließe sich weiter und differenzierter fortführen. Er reichte im Vorfeld der Seminarplanung aus, um eine gemeinsame Sichtweise bei den am IP Seminar Moving School 21 beteiligten Lehrern, Schulen und Hochschulen zu begründen. Die gemeinsame Problemsicht und die bereits entwickelten Handlungsstrategien definieren die Schwerpunkte der gemeinsamen Arbeit in den folgenden Jahren: Austausch und Weiterentwicklung von partizipativen Planungsmethoden für Kinder, Jugendliche (und Erwachsene) zur gesundheitsfördernden Entwicklung von Spiel-, Bewegungs- und Lebensräumen in Verbindung mit nachhaltigen Strategien zur salutogenen Gesundheitsförderung in Schulprogrammen (Bewegte Schule – gesunde Schule, u.a.).
Arbeitsformen des IP Seminars
Vorträge und Diskussion: Die Studierenden und die Professoren der beteiligten Universitäten waren in Vorfeld aufgefordert worden, sich mit eigenen Beiträgen zum Seminarthema zu beteiligen, um Projekte, Vorhaben und Forschungsergebnisse vorzustellen.
Stadtbegehung: Die Seminarteilnehmer werden von den deutschen Studenten (City Guides) zu vorbereiteten und ausgewählten Orten der Stadt geführt;
Stadtforschung: Anwendung von sozialwissenschaftlichem Forschungsinstrumentarium (Befragung, Beobachtung, Analyse soziodemographischer Daten, Stadtpläne, Orte mit besonderen Konzepten für Bewegung, Spiel, Integration und sozialen Problemen);
Posterarbeit: Zusammenfassende Darstellung und Interpretation der Stadtforschungsergebnisse;
Projekt- und Workshoparbeit: Anwendung der Methoden der Planungsbeteiligung in einem konkreten Entwicklungsprojekt an der GS „Am Buschgraben“;
Beiträge zu Seminar
Die grundsätzlichen Beiträge zum Thema Gesundheitsförderung und Stadtentwicklung bezogen sich auf die Themenbereiche der salutogenetischen Stadtentwicklungsplanung (D), der kinder – und jugendorientierten Stadt- und Regionalentwicklung (It), den politisch – administrativen Organisationsprozess der partizipativen Planung von Entwicklungsprojekten (It), Gesundheitsförderungsprogramme im Schulcurriculum (GB).
In speziellen Interventionen wurden Aspekte der Gesundheitsförderung und Bewegungserziehung erörtert. Dazu gehörten die Beiträge zu den Qualitätsmerkmalen für gutes Spiel(Didaktik und Methodik, praktische Beispiele)(D), sulutogenetisch orientierte Kriterien für Spiel- und Bewegungsräume (D), Didaktik und Methodik von Bewegungserziehungsprogrammen in Kindergärten (RTch),
Besondere Beiträge wurden zu den Themenbereichen gesunde Kommunikation (D/IT) und zu den Möglichkeiten von it-gestützten Geoinformationssystemen zur Bewegungsraumplanung in Wohnbezirken gemacht (D), Leitlinienorientierte Sport- und Spielraumentwicklung in Stadtgebieten mit besonderem Förderungsbedarf (D).
Mit Projekten und Modellvorhaben wurden spezielle Aspekte der Gesundheitsförderung und der salutogenen Stadtentwicklung vorgestellt und die planerischen Aktivitäten erläutert, die eine Beziehung zwischen Schule und urbanem Umfeld herstellen. Dazu gehören die Beiträge: Long Meadow School (GB), Biesalski GS „Integrationsschulhof“ (D) mit Besichtigung, Spielplatzprojekte in Wohnquartieren mit besonderen sozialen Problemen Paul-Hertz-Siedlung(D) mit Besichtigung, sportorientierter Nutzungstransfer bei Verwaltungsgebäuden in Berlin Mitte (D).
Projekte und Untersuchungen zur Analyse, Gestaltung und Nutzung von städtischen Räumen wurden an Beispielen von Venedig/Maghera und einer Kleinstadt in der Republik Tschechien vorgestellt und diskutiert.
Feldforschung wurde bei geführten Stadtexkursionen gemacht. In Kleingruppen, geführt durch City-Scouts wurden Beobachtungen (Ortsbegehung, Fotodokumentation, Stadtkartenanalyse, Begehung, kriterienorientierte Bewertung anhand eines Kataloges für salutegenetisch gestaltete Spiel-, Bewegungs- und Stadträume) an und auf Spielplätzen, Schulhöfen, Stadtplätzen, Sportplätzen und sozialen Einrichtungen gemacht. Die Ergebnisse wurden Dokumentiert und in einer Posterausstellung vorgestellt und im Plenum diskutiert.
Bei Besichtigungen und Rundgängen wurden ausgewählte Beispiele von bereits mit Planungsbeteiligung realisierter Projekte in Berlin vorgestellt und deren Entwicklung erläutert. Dabei wurden an praktischen Beispielen die Ergebnisse des in Berlin genutzten partizipativen Planungsverfahren (Planungsspirale, Zukunftswerkstatt) mit behinderten und nichtbehinderten Kindern (Schulhof der Biesalski Schule f. Körperbehinderte, Berlin Steglitz-Zehlendorf), mit Jugendlichen und Senioren und ein Platz der ausschließlich von Mädchen und jungen Frauen geplant wurde, aufgesucht (Paul-Hertz-Siedlung, Berlin Charlottenburg-Wilmersdorf).
Das Besuchsprogramm stellte besondere Einrichtungen, Bauten und Organisationen der Stadt vor. Dazu gehörten das Kindermuseum „Labyrinth (Gesundheitsförderungsprogramm), das Bezirksamt Berlin Mitte (Vorstellung der Leitlinien für die Entwicklung der Sport-, Spiel- und Bewegungsräume, Umnutzung von Verwaltungsgebäuden – zur Sporthalle umgebautes ehemaligen Finanzamt, Leiter des Sportamtes) und den Besuch der gemeinnützigen Wohnungsbau- und Verwaltungsgesellschaft (Konzept zur gesundheitsorientierten Wohnumfeldgestaltung, Vorstand und Regionalleitung). Die Besuche und Besichtigungen waren mit Führungen oder offiziellen Kontakten zu den Leitungen der Einrichtungen verbunden.
Praktische Anwendung und Erprobung
Die Planungswerkstatt wurde von den externen Experten von BERLINbewegt e.V. als sog. Expertenworkshop organisiert und mit Beteiligung der Seminarteilnehmer, den externen Experten (Moving School 21) und Lehrern der Schule durchgeführt. Aufgabe des Expertenworkshops war es, die Didaktik und Methodik des partizipativen Planungsverfahrens vorzustellen und anhand der sich für die Schule in der Zukunft stellenden neuen Aufgaben modellhaft durchzuführen (i.S. einer schulinternen Lehrerfortbildung). Die Schule wird in den folgenden Jahren zu einer Ganztagsschule gewandelt. Aufgabenstellung für den Workshop war es daher, das zukünftige bewegungs- und gesundheitorientierte Schulprofil in der Gestaltung der Schulinnenräume, des Schulgeländes und des urbanen Umfeldes sichtbar zu machen und in ihrer salutegenetischen Funktion zu beschreiben. Mit der Anwendung der Phasen des Planungsbeteiligungsverfahrens bekommen die Lehrer der Schule eine konkrete Vorstellung darüber, wie sie mit ihrem Schülern im kommenden Jahr die verschiedenen Schulbereiche planen können.
Transfer der Ergebnisse
Der Planungsworkshop in der GS Am Buschgraben ist für den internationalen Austausch von Wissensbeständen und Handlungsansätzen bedeutsam. Sie bildet ein konkrete Planungsbeispiel für die innovative und nachhaltige Gesundheitsförderung auf folgenden Ebenen in den beteiligten Partnerländern:
- Schulwesen: Ausbildung von Lehrern und Erziehern;
- Stadtplanung: Aus- und Weiterbildung von Architekten, Stadt- und Landschaftsplanern; Geographen.
- Gesundheitswesen: Aus- und Weiterbildung von Beschäftigten in den staatlichen Gesundheitsdiensten
- Wohnungsverwaltungen: Fortbildung im Management von staatlichen und privatwirtschaftlichen Unternehmen im Wohnungsbau und Wohnanlagenverwaltung.
Im Rahmen des IP Seminars wurde die Vorbereitung eines COMENIUS Projektes zwischen den Schulen verabredet. Insbesondere die daran beteiligten Schulen werden von den praxisorientierten Ergebnissen der Planungswerkstatt des IP Seminars Moving School 21 profitieren. Die Studierenden (UK) werden in ihrem Projekt an der Longmeadow Primary School das Planungsbeteiligungsprojekt mit dem Konzept der Bewegten Schule verbinden. Die als Seminarbeobachter anwesenden headteacher der Long Meadow School werden die Ergebnisse in ihrem Kollegium vorstellen. Die Universität Bath-Spa wird die Schule bei der Weiterentwicklung und Umsetzung unterstützen. Für die Lehrerstudenten an der Universität Bath/Spa wird dieses Projekt als Studienbeispiel für Gesundheitsförderungsstrategie Verwendung finden. Desgleichen gilt für die Lehrerstudenten in Berlin (in Kooperation mit der GS Am Buschgraben) und die Architekturstudenten aus Venedig (Schulen in Treiso/Friaul).
Als Beispiel für einen interdisziplinären Forschungs- und Entwicklungstransfer gilt das vorgestellte geographischen Informationssystems als Instrument (GIS) für die Planung von Spiel- und Bewegungsräumen im hochverdichteten Stadtteilen und Siedlungsarealen. Den Seminarteilnehmern, Lehrerstudenten und Stadt- und Landschaftsplanern sowie dem Vorstand der gemeinnützigen Wohnungsbaugesellschaft, Berlin – (Gastgeberin für einen Seminartag) wurde damit ein Werkzeug für die zukünftige kriterienorientierte Entwicklung und Bewirtschaftung von Grünzonen, Parks und Spielräumen in Handhabung und Anwendung erläutert.
Perspektiven für Moving School 21 in 2004 Venedig
Auf der Abschlusskonferenz der Organisationsgruppe unter der Koordination von Prof. Liepe, FU- Berlin, wurde von den beteiligten Partnerländern die Fortführung des IP Seminars beschlossen. Das Gastland in 2004 wird Venedig sein. Die Zielstellung des Seminars hat sich auch für die Zukunft als tragfähig erwiesen und wird grundsätzlich beibehalten. Das Gastland soll eigene Schwerpunkte hinzufügen und ein entsprechendes Profil für das kommende Seminar entwickeln. Die Abschlusskonferenz beschloss in Berlin, weitere interessierte Universitäten aus anderen europäischen Ländern zur Teilnahme am IP 04 einzuladen.
Die Auswertung des Seminarfragebogens und der freien Stellungsnahmen (mündlich und schriftlich) zeigen deutlich, dass der Verbund von Theorie mit der Feldforschungsarbeit und der praktischen Anwendung und Erprobung von didaktisch-methodischen Planungsmodellen den Interessen der Studierenden und denen der Lehrenden in hohem Maße entspricht. Die Organisation und die Arbeitsformen sollen im wesentlichen beibehalten und fortgeführt werden.
In der Zwischenzeit ist vereinbart, dass über den Fortgang der Projekte weiter berichtet wird.
Ein zusätzliches Ergebnis des Seminars ergab sich aus den Schulbesuchen und der Planungswerkstatt an der Grundschule Am Buschgraben: es wurde vereinbart, ein Comenius Projekt anzuschließen, in dem diejenigen Schulen verbunden werden, die als Projektschulen in den Partnerländern bereits Ganztagsschulen sind oder werden und die an partizipativen Planungsverfahren für ihre schulischen und urbanen Umgebungsräumen interessiert sind. Die ortsansässigen Universitäten werden die Kontakte zwischen den Schulen herstellen.
Aus der praktischen Anwendung der entwickelten partizipativen Planungsmethoden und Strategien zur salutogenetisch-orientierter Gesundheitsförderung in der Schule werden weiter Forschungs- und Entwicklungsprojekte entstehen.
Unterstützende Organisationen
BERLINbewegt e.V.
Gesunde Stadt e.V.
Bezirksamt Berlin Mitte von Berlin
Gemeinnützige Wohnungsbaugesellschaft (Gewobag)
Externe Experten
MA Johannes Axster, BERLINbewegt e.V.
Dipl.Arch. Birgit Funke BERLINbewegt e.V.
Dipl.Arch. Tim Krüger BERLINbewegt e.V.
Dipl. Geowiss. Axel Borchert, GeoInfo AG
Ulrich Schmidt, Sportamtleitung Berlin Mitte
Profess. Ludovica Scarpa, TU Berlin
Beteiligte Schulen
Paul Klee Grundschule, Berlin Charlottenburg-Wilmersdorf
H. Roller Grundschule, Berlin Prenzlauer Berg
Grundschule Am Hollerbusch, Berlin Zehlendorf-Steglitz
Biesalski GS für Körperbehinderte, Berlin Zehlendorf-Steglitz |